Der Mutterpass - und was Sie unbedingt darüber wissen sollten
Als schwangere Frau bekommen Sie einen Mutterpass, der Ihnen bei einem der ersten Arztbesuche ausgehändigt wird. In ihm werden möglichst viele Untersuchungsergebnisse in der Schwangerschaft dokumentiert. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie den Mutterpass immer bei sich tragen. Nur so kann sich jeder, der Sie im Laufe der folgenden neun Monate medizinisch betreut, einen raschen Überblick über Verlauf, Dauer und eventuelle Risiken Ihrer Schwangerschaft verschaffen.
Serologische Untersuchungen (Seite 2/3)
Hier geht es um viele Blutuntersuchungen, die helfen sollen Risiken für Ihr Baby einzuschätzen.
- Der Rhesus-Faktor kann positiv (D+) oder negativ (D-) sein. Falls Sie zu den 15% der Frauen gehören, die "Rhesus negativ" sind, gibt es einige Besonderheiten zu beachten. Je nach der Blutgruppe Ihres Partners kann Ihr Kind Rhesus positiv oder negativ sein. Ist es Rhesus positiv und geht während der Schwangerschaft oder der Geburt kindliches Blut in Ihren Blutkreislauf über, so besteht die Möglichkeit, daß Ihr Körper Abwehrstoffe gegen das fremde Blut bildet. Zunächst ist das noch nicht wichtig. Wenn Sie später wieder mit einem Rhesus positiven Kind schwanger werden, kann dieser Umstand ernste Folgen für die Gesundheit dieses zweiten Kindes haben. Um die Bildung von Antikörpern zu verhindern, wird Ihnen bereits bei der ersten Schwangerschaft eine Dosis Anti-D-Globuline gespritzt. Falls sich nach der Geburt bestätigt, daß Ihr Kind tatsächlich Rhesus positiv ist, muß die Gabe innerhalb einer 72-Stunden-Frist wiederholt werden.
- Ähnlich dem Rhesus-Faktor gibt es in Ihrem Blut zahlreiche weitere Blutgruppeneigenschaften und Antikörper, die zwar selten auftreten, nach denen aber doch durch gezielte Tests gefahndet wird. Einer von ihnen ist der sogenannte Röteln-HAH-Test. Durch ihn wird festgestellt, ob Sie gegen Röteln immun sind. Immunität bedeutet, daß Ihr Körper Abwehrstoffe gegen Röteln-Viren gebildet hat. Der Titer ist eine Maßeinheit für die Höhe der Konzentration von Abwehrstoffen.
- Chlamydia trachomatis ist ein Krankheitserreger, der im Gebärmutterhals (Zervix) vorkommen und beim Neugeborenen zu Augen- und Lungenentzündungen führen kann.
- Die Lues-Such-Reaktion (LSR) ist ein Test, bei dem nach Lues-Erregern in Ihrem Blut gesucht wird. Lues, auch Syphilis genannt, ist eine heute selten gewordene Geschlechtskrankheit.
- Ein anderer Test soll den Nachweis von Hepatitis-B, einer infektiösen Leberentzündung, erbringen. Er wird gegen Ende der Schwangerschaft durchgeführt - zwischen 32. und 40. Schwangerschaftswoche. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, das Neugeborene gleich nach der Geburt gegen Hepatitis impfen zu lassen.
- Weitere Tests, wie der AIDS-Test oder der Toxoplasmose-Test werden nur bei besonderer Gefährdung der Schwangeren empfohlen. Die Kosten für den AIDS-Test übernimmt die Kasse.
Angaben zu vorangegangenen Schwangerschaften (Seite 4)
Vorangegangene Schwangerschaften, auch Fehlgeburten und Abbrüche, werden ebenso im Mutterpass festgehalten, wie der Ausgang bisheriger Geburten: Spontangeburt, Kaiserschnitt (lateinisch: Sectio), Frühgeburt oder andere Besonderheiten.
Angaben zur Person der Schwangeren (Seite 5)
Gravida bezeichnet die Anzahl der bisherigen Schwangerschaften inklusive der jetzigen Schwangerschaft, Para nennt die Zahl der bisherigen Geburten.
Risiko-Katalog (Seite 5/6)
Der Risiko-Katalog A »Anamnese und allgemeine Befunde« wird vom Arzt bei der ersten Vorsorgeuntersuchung eingetragen. Wenn Sie die einzelnen Punkte durchgehen, wird Ihnen schnell klar werden, warum so viele Frauen als Risiko-Schwangere eingestuft werden. Die dort aufgeführten Kriterien sind zum Teil nicht unbedingt weltbewegend oder sogar umstritten und haben oftmals nur wenig Bedeutung für die Schwangerschaft. Sprechen Sie mit mir und fragen Sie nach Ihrem tatsächlichen Risiko, damit Sie sich nicht unnötig ängstigen.
Der Risiko-Katalog B »Besondere Befunde im Schwangerschaftsverlauf« gewinnt erst im weiteren Verlauf Ihrer Schwangerschaft an Bedeutung. Auch mit einer Eintragung dort sind Sie nicht automatisch eine »Risiko-Schwangere«. Es gibt immer wieder Frauen, die sich durch diese »Klassifizierung« stark verunsichert fühlen, ihre Schwangerschaft fälschlicherweise für bedroht halten und sie nicht mehr richtig genießen können.
Terminbestimmung (Seite 5)
Eine Schwangerschaft dauert rund 40 Wochen, das sind 280 Tage oder 10 Mondmonate á 28 Tage. Gerechnet wird von dem ersten Tag der letzten Regel an.
Terminkorrektur per Ultraschall
Der Arzt hat die Möglichkeit, den errechneten Geburtstermin mit Hilfe der Daten der ersten Ultraschallmessungen in der Schwangerschaft zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Ausschlaggebend ist dabei die Größe des Embryos. Eine Terminkorrektur per Ultraschall ist nur im ersten Drittel der Schwangerschaft sinnvoll, am besten zwischen der sechsten und zehnten Schwangerschaftswoche. Zu einem späteren Zeitpunkt lassen Größe und Gewicht des Ungeborenen keine vernünftigen Rückschlüsse auf das Alter der Schwangerschaft zu. Nur 5 % aller Kinder kommen an ihrem errechneten Termin auf die Welt, die meisten aber innerhalb eines Zeitraumes von vier Wochen rund um den Termin. Um sich selbst nicht unter Erfolgsdruck zu setzen, ist es ratsam, sich eher auf einen späteren Geburtstermin einzustellen. Ein Tip: Sie ersparen sich am Ende der Schwangerschaft eine nervenaufreibende Zeit, wenn Sie Verwandten und Bekannten von vornherein einen späteren Termin nennen.
Gravidogramm (Seite 7/8)
Hier werden alle wichtigen Befunde während der ganzen Schwangerschaft vom Arzt notiert. Nachfolgend werden die Begriffe erklärt:
- Der Antikörper (AK)-Suchtest wird gegen Ende der Schwangerschaft wiederholt.
- Sie können ein Gespräch »zur Planung Ihrer Geburt« in der Klinik mit einem Arzt führen - und können sich dazu in einer von Ihnen ausgewählten Klinik vorstellen.
- In diese drei Spalten tragen Arzt das jeweilige Untersuchungsdatum, die angenommene und die gegebenenfalls korrigierte Schwangerschaftswoche (SSW) ein.
- Der Fundusstand gibt die obere Begrenzung der Gebärmutter an.
- Beispiel: S+3: Drei Querfinger über der Oberkante der Schambeinfuge (Symphyse)
- N-2: Zwei Querfinger unter dem Nabel
- Rb-2: Zwei Querfinger unter dem Rippenbogen.
- Zur Bestimmung von Größe und Gewicht des Ungeborenen ist nicht unbedingt eine Ultraschall-Untersuchung nötig, die sorgfältige Tastung der Gebärmuttergröße durch Arzt reicht in den meisten Fällen aus. Sie und Ihr Partner können die obere Begrenzung der Gebärmutter auch selber tasten: Sie fühlt sich an wie eine feste Muskelschicht.
- Kindslage:
- Hier tragen Arzt nur Abkürzungen ein, zum Beispiel SL für Schädellage, BEL für Beckenend- oder Steißlage, QL für Querlage. Die Lage des Ungeborenen gewinnt erst gegen Ende der Schwangerschaft - etwa ab der 37/38. Schwangerschaftswoche an Bedeutung, wenn das Kind sich aufgrund des beengten Raumes nicht mehr so gut drehen kann. Über 96% aller Kinder nehmen in den letzten Wochen vor der Geburt die Schädellage ein - auch dann, wenn sie vorher oft wochenlang "falsch" lagen.
- Herztöne:
- In dieser Spalte wird notiert, ob Herztöne zu hören sind. Normal sind 120-160 Herzschläge pro Minute, das sind etwa doppelt so viele wie bei einem Erwachsenen.
- Kindsbewegung:
- Achten Sie darauf, wann Sie die Bewegungen Ihres Kindes zum ersten Mal spüren. Treten die Bewegungen regelmäßig auf, haben Sie die Gewissheit, daß es Ihrem Kind gut geht. Nehmen Sie allerdings starke Veränderungen wahr, werden die Bewegungen deutlich seltener oder schwächer, sollten Sie Ihren Arzt aufsuchen.
- Ödeme sind Wasseransammlungen im Gewebe, die in der Schwangerschaft normal und meist harmlos, aber unangenehm sind. Zusammen mit anderen Anzeichen, wie Bluthochdruck und/oder Eiweiß im Urin, können sie allerdings auf eine besondere Erkrankung in der Schwangerschaft, eine Präeklampsie hinweisen. Im Mutterpass werden Ödeme je nach Stärke ihres Auftretens mit + , ++ oder +++ vermerkt.
- Varikosis ist der Fachbegriff für Krampfadern. Sie können an den Beinen oder im Schamlippenbereich auftreten, was sehr unangenehm sein kann. Schwangerschaftsbedingte Krampfadern bilden sich fast immer nach der Geburt wieder zurück. Bei stark ausgeprägten Krampfadern verordnet Ihr Arzt oft Stützstrümpfe.
- Die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft verläuft ganz individuell. Gewichtstabellen können nur einen ungefähren Anhaltspunkt geben. Machen Sie sich also keinen Sorgen wegen Ihrer Gewichtszunahme. 12 bis 13 kg gelten als völlig normale Gewichtszunahme in einer Schwangerschaft. Wenn Sie von Natur aus sehr schlank sind, können Sie ruhig etwas mehr zunehmen. Haben Sie dagegen ein relativ hohes Ausgangsgewicht, sollten Sie eher darauf achten, nicht allzu viel »zuzulegen«.
- RR ist die Abkürzung für die Blutdruckmessung (nach dem Italiener Riva-Rocci). Der höhere Wert bezeichnet den systolischen, der niedrigere den diastolischen Blutdruck, zum Beispiel 120/80. Ein niedriger Blutdruck beginnt ungefähr unter 100/70, ein hoher über 140/85. Diese Einstufung sollte allerdings immer in Zusammenhang mit den bisherigen Werten beurteilt werden. In der Nacht und im zweiten Schwangerschaftsdrittel fällt der Blutdruck normalerweise etwas ab.
- Hb: Der Hämoglobingehalt in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) ist ein indirekter Hinweis auf den Eisengehalt des Blutes. Während der Schwangerschaft verdünnt sich Ihr Blut - die Plazenta mit ihren vielen tausend kleinen Abzweigungen und Verästelungen braucht zu ihrer optimalen Durchblutung möglichst dünnflüssiges Blut. Die Anzahl der roten Blutkörperchen bleibt dagegen konstant. Die Folge: Ihr Hb-Wert nimmt ab. Ein gewisses Absinken ist - vor allem gegen Ende der Schwangerschaft - ganz normal. Günstig wäre allerdings, wenn der Hämoglobingehalt nicht unter 10,5 g/% absinkt.
- Bei jedem Vorsorgetermin kontrollieren Arzt mit Hilfe eines Teststäbchens, ob Ihr Urin Spuren von Eiweiß, Zucker, Nitrit oder Blut aufweist. Eiweiß könnte ein Hinweis auf eine sogenannte Gestoseerkrankung sein, Zucker kann auf eine Schwangerschaftsdiabetes hindeuten, Nitrit und Blut lassen eine Entzündung von Blase oder Nieren vermuten.
- Bei der vaginalen Untersuchung (von der Scheide aus) ertastet der Arzt mit seinen Fingern den Zustand von Gebärmutterhals und Muttermund. Bei vorzeitigen Wehen ist eine regelmäßige Kontrolle des Muttermundes allerdings wichtig. Falls er sich vorzeitig öffnet, besteht die Gefahr einer Frühgeburt. In dieser Spalte steht meist o. B. (ohne Befund) oder auch Mm 1 cm (Muttermund 1 cm geöffnet). Manchmal wird auch die Länge der Portio (Teil des Gebärmutterhalses, der in die Vagina hineinragt) gemessen.
- Diese Spalte ist Untersuchungen vorbehalten, die außer der Reihe vorgenommen werden z.B. die Bestimmung des pH-Wertes in der Scheide. Eine Veränderung des pH-Wertes deutet meist auf eine Scheidenentzündung hin, könnte aber auch ein erster Hinweis für eine drohende Frühgeburt sein.
- Maßnahmen und Therapien des Arztes, wie Medikamente, die Sie in der Schwangerschaft verschrieben bekommen.
Cardiotokographische Befunde (Seite 9)
In der Schwangerschaft überprüft der Arzt die Herztöne Ihres Kindes zusätzlich mit einem Herzton-Wehen-Schreiber (Cardiotokograph, CTG). Das CTG zeigt Gefahrenzustände an, in die ein Ungeborenes kommen kann. Regelmäßige CTG-Kontrollen sind also eine wertvolle Absicherung Ihres Schwangerschaftsverlaufes.
Ultraschalluntersuchungen (Seite 10/11)
Die erste der drei empfohlenen Ultraschalluntersuchungen wird in der Regel in der neunten bis zwölften Schwangerschaftswoche durchgeführt. Dabei achtet man auf folgende Details:
- Sitz der Schwangerschaft ("normale" oder Eileiter- oder Bauchhöhlenschwangerschaft)
- Ist der Embryo darstellbar?
- Ist die Herzaktion wahrnehmbar?
- Liegt eine Einlingsschwangerschaft vor?
- Sonstige Auffälligkeiten?
- Zeitgerechte Entwicklung?
- Beurteilung der Eierstöcke
In den ersten zwei bis drei Monaten einer Schwangerschaft beurteilt man durch Messung der Kindslänge, ob die Entwicklung des Embryos dem angenommenen Schwangerschaftsalter entspricht. Da manchmal das Datum der letzten Regelblutung nicht genau bekannt ist oder unregelmäßige Menstruationszyklen vorliegen, erlaubt die Ultraschalluntersuchung, in den ersten drei Monaten das genaue Schwangerschaftsalter zu bestimmen.Das Geschlecht des Fetus ist häufig ab dem vierten Schwangerschaftsmonat zu erkennen; doch hängt die Erkennbarkeit auch der fetalen Lage ab. Daher kommt es durchaus vor, dass auch am Ende der Schwangerschaft bei ungünstiger fetaler Lage das Geschlecht noch nicht zu erkennen ist.
Die zweite Ultraschalluntersuchung wird in der Regel in der 19. bis 22. Schwangerschaftswoche durchgeführt.
- Folgende Details sind wichtig: Lebenszeichen-Nachweis: Herzfrequenz
- Beurteilung des Körperumrisses
- Beurteilung der Wirbelsäule
- Beurteilung und Vermessung des Schädels:
- Kopfumfang, Kopfdurchmesser, Gesichtsprofil, Hirnkammern, Nackenfalte,
- Beurteilung und Vermessung des Bauches:
- Bauchwand, Magen, Harnblase. Zwerchfell, Nieren, Darm
- Darstellung aller vier Extremitäten
- Beurteilung der Herzaktion und der Nabelschnur, Herzrhythmus, Herzstruktur
- Beurteilung der Lungen
- Beurteilung der Bewegung des Kindes
- Beurteilung der Plazenta, sowie der Fruchtwassermenge
Nur etwa 60 Prozent aller Auffälligkeiten sind in der 19. bis 22. Schwangerschaftswoche zu sehen. Ob eine Missbildung erkennbar wird, hängt von ihrem Ausmaß, von der Lage des Fetus, der Fruchtwassermenge und nicht zuletzt auch von der Dicke der mütterlichen Bauchwand ab. Aus diesem Grund können Missbildungen auch übersehen werden.