Wassergeburt

Viele Kliniken gehen im Kampf um die Belegungszahlen dazu über, immer wieder neue "Gags" in ihren Kreißsälen anzubieten. Nicht immer ist alles Gold was glänzt. Deshalb einige nüchterne Informationen zum Stichwort. (aus der Informationsschrift Telegyn-Jenapharm)

Interquick mit Herrn Prof. Dr. med. W. Künzel, Direktor der Frauenklinik und Hebammen-Lehranstalt Gießen.

Gibt es tatsächlich keine Einwände mehr gegen dieses "neue" Entbindungsverfahren?

Prof. Künzel: Die rein technischen Voraussetzungen scheinen mit der indirekten Übertragungstechnik des CTG-Gerätes Feta Care und der Spezial-Badewanne "Modell Bensberg" ja gegeben. Dennoch gefährdet die Modeerscheinung "Wassergeburt" aus folgenden Gründen den Foetus:

  1. Der kontrahierte Uterus komprimiert nach der Geburt des Kindes unter Wasser auch die zur Plazenta führenden Gefäße. Selbst bei unverändert umbilicaler Zirkulation ist somit der O2-Transfer von der Mutter zum Feten eingeschränkt.
  2. Am Ende des physiologischen Geburtsvorganges mit dem zwischen den Beinen der Mutter liegenden Kind besteht in der Nabelvene ein positives Druckgefälle zwischen der sich noch im Uterus befindlichen Plazenta und dem Neugeborenen. Innerhalb von 60 Sekunden kommt es dabei zum Übertritt von etwa 100-120 ml plazentaren Blutes. Diese Stabilisierung des fetalen Kreislaufes durch Volumenexpansion unterbleibt, wenn das Kind unmittelbar post partum aus dem Wasser und über die Insertionsstelle der Plazenta gehoben wird.
  3. Zwar verhindert der Diving-Reflex mit seinem reflektorischen Atemstillstand, daß Wasser in die Lunge gelangt. Bei sistierend uteriner und umbilicaler Zirkulation sinkt jedoch zumindest theoretisch die fetale 02-Sättigung und die Sauerstoffspeicher des Feten entleeren sich bei weiterhin konstantem O2-Verbrauch innerhalb von 90-120 Sekunden. Wenngleich der Diving-Reflex die Atmung unter Wasser verhindert, kann nach Expression der Trachealflüssigkeit während des subaqualen Geburtsvorganges bei erneuter Entfaltung des Thorax und der Lunge stark verunreinigtes Badewasser mit hoher Coli-Konzentration in die fetale Lunge gelangen und das Neugeborene gefährden.

Wassergeburt ( aus "Gynäkologische Praxis N°23 1999-437)

Technische Einzelheiten, welche eine lückenlose Überwachung des Kindes bei subaqualer Geburt erlauben, sind sicher perfekt gelöst. Die Cardiotokographie während der Eröffnungs- und besonders während der Austreibungsperiode mit dem CTG-Gerät Feta Care (Firma Kranzbühler) gewährleistet die sichere Überwachung des Feten. Ein im kabellosen Herzfrequenzaufnehmer des Gerätes erzeugter Ultraschallstrahl, der auf das Herz des Feten gerichtet ist, ermöglicht die ununterbrochene Kontrolle der Herzfrequenz. In einigen deutschen Geburtskliniken ist die Kombination des Feta Care von Kranzbühler mit der Spezialwanne "Modell Bensberg" realisiert. Nach den inzwischen vorliegenden Erfahrungen bei etwa 6.000 dokumentierten Entbindungen unter Wasser sollen sich die pH-Werte und Apgar-Scores nicht von Kindern unterscheiden, die konventionell zur Welt gekommen sind. Dies zum rein technischen Prozedere.

Nach wie vor kein Zweifel besteht jedoch daran, daß eine Geburt unter Wasser kein für den Menschen bzw. für alle Säuger physiologischer Vorgang ist. Bereiten doch alle Reifungsvorgänge während der Schwangerschaft den Feten auf einen raschen Übergang vom intrauterinen auf das extrauterine Leben vor: Nicht zuletzt die Surfactant-Produktion durch Typ II-Zellen in der Lunge, die Sensibilisierung des Atemzentrums während des Geburtsvorganges, der Verschluß des Ductus arteriosus Botalli und die plazentare Transfusion belegen dies.

Als Fazit verbleibt:

Die bisher auf Kongressen mitgeteilten und vorwiegend in Streumedien verbreiteten "guten Resultate" wurden nicht mit "peer review" in international anerkannten Journalen publiziert. Untersuchungen an vergleichbaren Kollektiven fehlen: Zumindest sollten Kollektive mit vergleichbarer Parität, Schwangerschaftsdauer und Geburtsgewicht analysiert worden sein. Auch würden Geburtsdauer und operative Entbindungshäufigkeit in diesen Kollektiven interessieren. Gleichwohl bleibt verständlich, daß Frauen im warmen Wasser die doch häufig schmerzhafte Wehentätigkeit gedämpfter empfinden, besser entspannen können und damit den Vorgang der Eröffnung des Muttermundes leichter ertragen.